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Träger des Kulturpreises für Publizistik 2011: Der Architekt, Fotograf und Autor Christian Papendick

»Ostpreußen besitzt eine eigene Geschichte«
Dankrede von Christian Papendick anlässlich der Entgegennahme des diesjährigen Kulturpreises

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Ostpreußen, sehr geehrter Herr Grigat!

Diese Auszeichnung in meinem zweiten Berufsleben entgegenzunehmen, ist für mich die Bestätigung, angekommen zu sein mit meinem Engagement für dieses Land, mit dem ich so stark verwurzelt bin. Ich fühle mich geehrt und bedanke mich beim Vorstand der Landsmannschaft Ostpreußen für diese Auszeichnung.

Wie kam ich überhaupt dazu, mich so intensiv mit dem nördlichen Teil Ostpreußens zu befassen? Als ich nach der Wende sofort nach Ostpreußen in die alte Heimat flog, war mein Ziel Nidden! „Warum nicht nach Königsberg – da bist du geboren!“, hörte ich von meiner Frau. Nein, ich hatte Angst vor dem Wiedersehen mit meiner Vaterstadt. Vor meiner einjährigen Soldatenzeit konnte ich durch Verlust meiner durch Bombenangriffe verbrannten Papiere noch zweimal je vier Monate lang die Stadt und das schöne Land bewusster und intensiv kennenlernen.

Einige Jahre vorher, im Sommer 1940, kam ich während der großen Ferien für sechs Wochen das erste Mal auf die Kurische Nehrung in das malerische Fischerdorf Nidden – und war begeistert! Hier entdeck­te ich meine künstlerische Begabung und begann zu malen und zu zeichnen. Und noch etwas Wichtiges für mein späteres Leben entdeckte ich damals unbewusst: Ich lernte sehen! Zwei weitere Sommer folgten noch, bis dann die große Katastrophe die Menschen aus dem Land vertrieb. Aus der Malerei führte mich der Weg zur Architektur. Die Bilder der Landschaft und die Begegnung mit den Menschen der Kurischen Nehrung blieben in meiner Seele haften.

Als ich nach 48 Jahren das erste Mal die Nehrung wieder betrat, war der Eindruck überwältigend. Das Land lag da zwischen den Wassern der Ostsee und des Kurischen Haffs wie früher in der Erinnerung. Die Dünen waren etwas flacher geworden, der Wald erschien größer, doch die alten Fischerhäuser zeigten sich in ihrer Farbigkeit wie einst, gepflegt von den Litauern, wenn auch gelegentlich die blühenden Fischergärten fehlten. Und noch etwas ist geblieben: das unvergleichliche Licht, das durch die Reflexion des Wassers und den weiten Himmel mit den grandios dahinziehenden Wolken der Landschaft eine einmalige, unvergleichliche Stimmung verleiht.

Im Jahr 1992 war es noch möglich, ohne große Kontrolle vom litauischen Nidden über die Grenze nach Königsberg zu fahren. Königsberg – diese ehemals prächtige Ordens- und Hansestadt, hat meine jungen Jahre geprägt. Doch als ich sie wiedersah, konnte ich nur entsetzt ausrufen: „Das ist nicht mehr meine Stadt – hier fahre ich nie wieder hin!“ Benommen durch die Straßen wandernd, war der Anblick dieser sozialistischen Betonstadt ein Schock. Das war nun das sogenannte „Arbeiter- und Bauernparadies“. Eine menschenunwürdige Stadt, ohne Konzept, bestehend lediglich aus zwei sich kreuzenden monumentalen Achsen, ohne gestalteten Stadt­raum – abweisend, kalt. Betonklötze in grauer Monotonie, die Fassaden schon wieder zerbröselnd.

Das Auge wollte sich irgendwo festhalten an diesen wahllos und quer gestellten Klötzen, suchte vergeblich nach einer gelungenen Form, verlor sich im Nichts, blieb am „Dom Sowjetow“, dem Haus der Räte hängen, das seit Anfang der 80er Jahre immer noch eine Neubauruine war.

Und dann die Armut der Menschen in dieser Stadt, das Leben auf dem großen Markt am ehemaligen Messegelände, und der Schutt, und der Dreck, und der Wodka, und die unfassbaren Zustände in den Toilettenanlagen! Es musste wohl der totale Zusammenbruch des Systems sein, dessen Ausmaß bislang nicht vorstellbar war. Was ist aus dieser Stadt geworden, wo ist sie in Fragmenten noch sichtbar? Und dann der Dom – die mächtige Ruine – allein auf der Kneiphofinsel. Erschütternd die ausgebrannten Mauern aus der Zeit des Deutschen Ordens, heute Sinnbild der untergegangenen Stadt. Doch an der Nordostecke des Domes stand noch, der Feuersbrunst August 1944 entronnen, unberührt vom Geist der fremden Zeit, in der Form eines griechischen Tempels, kühn und schlicht an den Ordensdom herangebaut, das Grabmal des größten Sohnes dieser Stadt – Immanuel Kant.

Das war 1992. Ich musste noch einmal hin, in diese Stadt, kurze Zeit später, im Herbst: Es zog mich wieder zum Dom, und ich staunte. Man begann mit seinem Wiederaufbau. Und jetzt ließ sie mich nicht mehr los, diese Stadt, jetzt fand ich zurück zu meinen Wurzeln, die in dieser Stadt liegen.

1997 entschloss ich mich, auf mehreren Reisen intensiv den russischen Teil Ostpreußens zu erforschen und zu fotografieren. Erschütternde Bilder zeigen ein gespenstisches Szenario: verwilderte, verwucherte Landschaft – seit fünf Jahrzehnten sich selbst überlassen – Ödland, dazwischen Schrott aus der Sowjetzeit, Rost im Kontrast zum frischen Grün, versumpfte, ehemals kultivierte Flächen mit Erlen – und immer wieder Erlen, dann Birken, Weidengestrüpp und umgestürzte Bäume. Die Natur hat sich verselbstständigt. Starke Pflanzen setzen sich durch, andere verkümmern und vergehen. Früher war dieses reiche Land durchsetzt mit weiten Kornfeldern. Doch die Alleen sind geblieben. Im Laufe einer Reise durch das Land kann man sich angewöhnen, immer wieder in Jubel auszubrechen über die für Ostpreußen so typischen Linden, die knorrigen Eichen, den im Herbst so farbigen Ahorn oder die im Frühjahr später ausschlagenden Eschen, die diese Alleen säumen. Doch vergessen wir nicht: Diese Straßen sind von einer tiefen Tragik gezeichnet, denn an ihren Rändern befinden sich die nicht mehr wahrzunehmenden Gräber der in den harten Wintertagen der letzten Monate dieses grausamen Krieges umgekommenen Flüchtlinge. Vollgestopft mit Fahrzeugen jeglicher Art, mit Kriegsgerät, Menschen und Vieh, wurden diese Alleen zu Straßen der Angst, des Leides und des Todes.

Diese schöne Landschaft wurde beherrscht von den Türmen und reich gegliederten Giebeln der zahlreichen Land- und Stadtkirchen. Der künstlerische Wert und die Schönheit vor allem dieser Ordenskirchen beruhen auf den Raumproportionen mit teils herrlichen Sterngewölben, der Bodenhaftigkeit sowie der herben Gesinnung und Geisteshaltung des Deutschen Ordens, die sich auch in den zahlreichen Burgen im Lande zeigte. Diese und die zahlreichen Bauten nachfolgender Jahrhunderte sind großartige Zeugen dieser einzigartigen Kulturlandschaft, die mitten in Europa liegt. Im südlichen, im heute polnischen und im litauischen Teil Ostpreußens – dem sogenannten Memelland – hat man diese Geschichte wahrgenommen, die heute auch Europa ausmacht. Hervorragende Kulturleistungen haben Litauer und Polen durch Wiederaufbau und Restauration erbracht. Sie bekennen sich heute zu Europa und einer gemeinsamen Geschichte.

Man kann es der russischen Bevölkerung nicht auferlegen, sich an der Wahrung der Geschichte dieser Kulturlandschaft zu beteiligen. Diese Bevölkerung wurde aus allen Teilen der damaligen Sowjetunion verschoben. Diese Landschaft war ihnen völlig fremd und mit keinem Bereich ihres großen Landes vergleichbar. Mit einem totalen Neubeginn sollte hier der vollkommene Sozialismus geschaffen werden. Doch die Neusiedler wurden mit dem Land nicht fertig, da sie keinerlei Erfahrungen mit der früher hier vorhandenen Wirtschaftsstruktur hatten.

So wurde alles demontiert, was brauchbar, alles zerstört, was deutsch war. Das historische Gesicht der Städte und Dörfer fiel der Rache zum Opfer. Die Ruinen und der weitere Verfall wurden die Heimat der neuen Bewohner. So wurden die zahlreichen Zeugen der deutschen Kulturgeschichte entstellt, vernichtet oder dem Zerfall überlassen. Doch trotz seiner Verwundungen strahlt das Land immer noch eine herbe Schönheit aus. Durch dieses Land fahrend spürt man immer noch diese besondere Atmosphäre, die den Reiz dieser Landschaft ausmacht – das ist Ostpreußen!

Sichtbar zeigt sich seit mehreren Jahren der Aufbruch in eine bessere Zukunft in Königsberg, dem heutigen Kaliningrad. Der Dom steht wiederaufgebaut als Zeugnis deutschen wie auch europäischen Kulturgutes. Das hervorragend restaurierte Königstor, im neogotischen Tudorstil ein Werk Friedrich August Stülers, birgt in seinen Innenräumen ein Museum für Deutsche Geschichte – man staunt! Restauriert wurden auch die Börse am Pregelufer, das ehemalige Preußische Staatsarchiv und das ehemalige Amtsgericht am Hansaring sowie eine Reihe von Villen aus deutscher Zeit in den Stadtteilen Hufen, Amalienau und Maraunenhof.

So sehr der Aufbruch Königsberg in Teilen erfasst hat, so ist er im Land noch wenig spürbar. Nur in einigen Bereichen keimt zögerlich die Hoffnung, die im Umkreis von Königsberg und im Samland mit seiner großartigen Steilküste und den Ostseestränden sichtbar ist. Im inneren Samland zeigen sich in manchen Dörfern nach wie vor die gleichen Zustände wie im übrigen Land. 66 Jahre nach Kriegsende werden immer noch die Burgen und Kirchen des Deutschen Ordens, wie auch die in nachfolgenden Jahrhunderten errichteten Kulturbauten aus barocker und klassizistischer Zeit, abgerissen oder dem Zerfall überlassen – von den bürgerlichen und bäuerlichen Bauten ganz zu schweigen. Unbeachtet von der Weltöffentlichkeit und der UNESCO geht hier diese wertvolle Kulturlandschaft zugrunde.

Trotz des Wiederaufbaus des Königsberger Doms und bereits genannter Wiederaufbauleistungen in der Stadt, die das Erscheinungsbild durchaus positiv verändert haben, stellen die Restaurierungen und Renovierungen der Kirchen von Neuhausen, Mühlhausen, Friedland, Legitten, Heinrichswalde, des Schlosses Trakehnen sowie weniger weiterer Guts- und Herrenhäuser lediglich kleine Oasen in einer beispiellosen Kulturwüste dar. Abgesehen von den Beschädigungen der wertvollen Fresken der Kirche Arnau nach der nicht nachvollziehbaren Übernahme durch die russisch-orthodoxe Kirche wurde die im Verfall befindliche Ordenskirche in Abschwangen im Herbst 2008 durch Ziegelräuber gebrandschatzt, ist die für die von König Friedrich Wilhelm IV. von Friedrich August Stüler als Model eins zu eins für die Friedenskirche in Potsdam errichtete Kirche in Mehlauken/Liebenfelde endgültig dem Verfall überlassen – trotz Besitzes der russisch-orthodoxen Kirche. Die verfallene Kirche in Argenincken/Argenbrück dient heute als Kuhstall, um nur einige Beispiele zu nennen.

Zu beklagen sind auf der Kurischen Nehrung das durch Protzbauten verschwundene Fischerdorf Pillkoppen, das immer noch verwahrloste Rossitten und das kaum mehr wiederzuerkennende Ostseebad Cranz. Schmerzlich die zerschundenen einst reichen Dörfer in der Elchniederung. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen.

Die Region verliert damit ihre Geschichte – ihre Identität! Nicht nur, dass sie durch das Verschwinden der Denkmäler und historischen Zeugen auch mehr und mehr an Attraktivität für den Tourismus einbüßt, verkommt diese einst durch ihre Menschen und durch den Orden und die Hanse geprägte Landschaft zu einer Kulturwüste. Vergessen wir nicht, dass der Deutsche Orden und spätere Generationen einen Vorposten der westlichen Zivilisation hier im Osten geschaffen haben – beseelt mit westlichem Geist. Als modernstes Staatswesen der damaligen Zeit in Europa schuf er bereits mit einer Migrationspolitik, wie auch in späteren Generationen, gemeinsam mit den in das Land kommenden Menschen und Glaubensflüchtlingen ein Kernland Europas. Dieses Ostpreußen besitzt daher gegenüber allen anderen Landen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation eine ganz eigene Geschichte, die sich in jeder Weise mit den verwandten Kulturen Europas vereinen lässt.

Der aus Litauen stammende Autor, Maler und Fotograf Romanas Borisowas schreibt in der April-Ausgabe der „Königsberger Allgemeinen“ in dem Artikel „Requiem für Albrechtaus“: „ … diese Bauten sind wie Märtyrer, wie Vermittler westlicher kultureller Werte, die dem kräftigen Stoß der kämpfenden Ideologie standgehalten haben. Sie sind beseelt. Man kann sie hören … diese Zeugen längst vergangener Leben, die jahrhundertelang als Beispiele für den ganzen osteuropäischen Raum dienten, verschwinden.“ Kaum ein Mensch kümmert sich darum, denkt darüber nach. Ganze Ortschaften sind sich selbst überlassen. „Nur die Plünderer kreisen wie die Geier um sie herum. Bald wird alles vergessen sein. Es vergeht einfach so, weil niemand da ist, der diesem Lauf der Dinge Einhalt gewährt. Sic transit gloria mundi“ – so Romanas Borisowas.

Als großer Hoffnungsträger und positives Beispiel des Wiederaufbaus für das daniederliegende Land zeigt sich heute der Königsberger Dom. Ende Juli 2008 erneut in der Stadt – um 14 Uhr ein Orgelkonzert. Ein bewegender Moment. Erinnerungen tauchen auf, im Juli 1992 stand ich vor der Ruine des Domes. Jetzt hat sich die Hoffnung verwirklicht: Der Dom ist wiederaufgebaut. Der Innenraum wirkt eindrucksvoll durch sein schlichtes Weiß. Der Kirchenraum füllt sich. Die neugeschaffene Orgel zeigt sich nach altem Vorbild im Barock­stil. Stille und Konzentration beim Konzertpublikum. Dann der Einsatz, Johann Sebastian Bach, Toccata und Fuge D-Moll, BWV 565. Nach leisen Tönen steigert sich die Musik, zeigt sich die Kraft, die in dieser Orgel steckt. Der junge Organist Artjom Chatschaturow, Studium an der Hochschule für Musik in Moskau und jetzt hier in der Stadt lebend, weist uns, indem er im wiederaufgebauten Königsberger Dom Bach spielt, den Weg über die Musik, der uns vor allem mit der Jugend verbinden kann. Über die Kunst müssen wir die Brücke bauen, um wieder zueinanderzufinden und zu versuchen, gemeinsam das noch gebliebene Erbe der Kultur dieses Landes zu erhalten.

Quelle:
Preußische Allgemeine Zeitung / Das Ostpreußenblatt Ausgabe 22/11, 04.06.2011

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