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Flammendes Inferno

 


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Menschen suchen in den Trümmern nach ihrer Habe:
Dresden nach der Bombardierung.

Von Masuren zur Tante nach Dresden
15-Jährige flieht mit ihrer Großmutter aus Lyck vor den Russen −
Statt in Sicherheit gerät sie in das flammende Inferno

Ein Bricht von Renate Lohs

Obwohl ich nicht direkt den unbeschreiblichen Strapazen, Gräueltaten und Schikanen von Flucht und Vertreibung aus der Heimat Ostpreußen ausgesetzt war, erlebte ich den Terrorangriff am 13./14. Februar 1945 auf Dresden. Bis zum Sommer 1944 lagen die deutschen Ostprovinzen fernab vom allem Kriegsgeschehen. Wir wurden lediglich durch Militärtransporte (Lyck war Garnisonsstadt) und durch Aufnahme der fliegerangriffsgefährdeten Bewohner der großen deutschen Städte erinnert, dass wir Krieg hatten. Die Lage änderte sich auch für den Kreis Lyck, als Russland die Großoffensive im Mittelabschnitt der Ostfront am 22. Juni 1944 begann und die zahlenmäßig weit überlegenen sowjetischen Truppen diesen Abschnitt durchbrachen und unmittelbar an die Grenzen Ostpreußens gelangten. Nun warfen russische Flieger auch in unserem Kreis Bomben und trafen unter anderem in Lyck das Gebäude des Landgerichts, Kaufhaus Gronwald, Häuser in der Danziger Straße und dann im Dezember 1944 den Bahnhof und den Güterbahnhof. Auch den Landkreis suchten russische Flieger heim und bombardierten dort und tagsüber beschossen sie Bauern auf den Feldern.

Es war im fünften Jahr des Zweiten Weltkrieges, als ich 15-jährig im August 1944 in Begleitung meiner fast 85-jährigen Großmutter, einer Tante und eines Onkels, sowie von zwei Cousinen meine Heimatstadt Lyck mit einem Zug der Deutschen Reichsbahn verließ. Der Kanonendonner war teilweise schon sehr laut und deutlich zu hören.

Unser Ziel war Sachsen, wo wir uns im Sommerhaus meiner Tante später mit meinen Eltern treffen wollten. Meine Eltern blieben noch zu Hause, wurden dann vier Wochen später von Lyck nach Allenstein evakuiert. Viele Menschen, die in Allenstein blieben, kamen nur unter schwierigsten Umständen noch lebend heraus, da die Russen den Weg abgeschnitten hatten. Drei meiner ehemaligen Klassenkameradinnen überlebten die mehrfachen Vergewaltigungen nicht. Meine Eltern lösten sich in Allenstein von dem Treck und kamen erst nach 14 Tagen bei meiner Tante an. Die Tante, eine Schwester meiner Mutter, stellte uns ihre Stadtwohnung in Dresden, Silbermannstraße 1, zur Verfügung. Wir waren glücklich, wieder ein Dach über dem Kopf zu haben.

Es kam der 13. Februar 1945: Ein schöner, warmer Tag. Am Abend gegen 21 Uhr kam über den Rundfunk die Luftlagemeldung „Große Kampffliegerverbände auf Dresden!“ Zur gleichen Zeit ertönte Voralarm, kurz danach Fliegeralarm. Im Allgemeinen sind wir sonst nie in den Luftschutzraum hinuntergegangen, doch an diesem Tag griff jeder nach seinem bereitstehenden Handkoffer (in diesem hatte jeder seine nötigsten persönlichen Dinge, wie ein Mal Wäsche zum Wechseln, Sparbuch, Papiere und Wertsachen) und eilte in den Schutzraum. Wir waren noch nicht unten angelangt, als die ersten Feindflugzeuge mit Leuchtbomben, Leuchtschirmen und den sogenannten „Christbäumen“ das Zielgebiet für die nachfolgenden Bomberverbände markierten, was wir damals noch nicht kannten. Es war ein „schaurig schönes“ Bild, welches hier an den Nachthimmel gezeichnet wurde.

In Unkenntnis dessen, was danach noch folgen würde, standen wir an der Haustür und blickten staunend in die so erhellte Nacht. Dann plötzlich ein komisches Pfeifen! Ein ehemaliger Soldat, der wegen seiner Verwendung nicht mehr einsatzfähig war, stieß uns in das Haus und rief: „Nichts wie in den Keller!“ Die Haustür war noch nicht ganz geschlossen, als sie durch den Luftdruck der ersten detonierenden Sprengbombe wieder aufgerissen wurde. Danach folgte nun eine Detonation der anderen. Wir kauerten uns dicht aneinander und suchten durch Körperkontakt Schutz. Es dauerte eine Ewigkeit, bis der Angriff nachließ und das Inferno ein scheinbares Ende fand. Zeitzünder brachten noch fortwährend abgeworfene Bomben zur Explosion. Trotzdem gingen einige (darunter auch ich) in die Wohnungen. Diese sahen verheerend aus. Sämtliche Fenster waren zertrümmert, die Türen aus den Schlössern gerissen, die Wände teilweise eingestürzt. Wir rissen sämtliche Gardinen von den Fenstern aus den Schlafzimmern und warfen sie in die Diele, damit die umherfliegenden Funken keinen weiteren Brand entzünden konnten. In den Räumen sah es furchtbar aus. Der Inhalt der Schränke lag verstreut in den Zimmern, kleine Möbelstücke waren umgestürzt. Wir versuchten ein wenig Ordnung zu schaffen und kleine entstandene Brände zu löschen. Das Zeitgefühl war uns verlorengegangen.

Da trieb uns der zweite Angriff wieder in den Keller. Nach diesem Bombardement mussten wir das Haus verlassen. Die oberen Stockwerke brannten lichterloh. Als wir aus dem Haus eilten und uns in das Freie wagten, empfing uns ein heißer Sturm, der mit seiner Gluthitze das Atmen fast unmöglich machte. Ringsherum brannte es, nichts als Feuer und einstürzende Häuser, wohin sollten wir fliehen? In Richtung Elbe war kein Durchkommen (später erfuhren wir: Unser Glück, denn dort wurde Phosphor auf die sich rettenden Menschen von den Flugzeugen gegossen – sie brannten wie Fackeln!). Ebenfalls kein Durchkommen zum „Großen Garten“, überall versperrten einstürzende Häuser den Weg durch die Straßen.

Da der Feuersturm immer stärker wurde und uns fast in die brennenden Häuser zog, warfen wir unsere Koffer weg, um uns gegenseitig an den Mänteln festzuhalten. Dabei hatte keiner Zeit und auch nicht die Gedanken daran, Sparbücher und Wertsachen aus den Koffern zu nehmen. Uns beherrschte die Angst um das nackte Leben.

Wir stiegen über heißen rauchenden Schutt und erreichten entlang der Striesener Straße den Dürerplatz. Neben uns stürzten Wände ein und ich kann auch heute nicht sagen, wie wir es schafften, dieser Höllenglut zu entrinnen. Hier, in der Mitte des Platzes, konnten uns keine herabstürzenden Mauern erreichen. Endlich konnten wir, wenn auch in dieser Backofenhitze, einigermaßen aufatmen. Mutti hatte unseren Hund an der Leine gehabt. Jetzt hatte sie nur noch die Leine in der Hand. Wann und wo unser Hund verlorengegangen war, wissen wir nicht. Nicht ausgeschlossen, dass ihn der Feuersog ins Feuer gerissen hat.

Ich kann heute nicht mehr sagen, wie lange wir auf dem Dürerplatz zubrachten und dort Schutz gesucht haben. Es wurde am 14. Februar 1945 nicht hell. Die Trümmer der Stadt Dresden waren von dunklen Rauchschwaden eingehüllt. Es muss so gegen 11 Uhr gewesen sein, als wir den Dürerplatz verließen. Der Weg führte uns entlang der Dürerstraße über den Zöllner-Platz, um an das Haus heranzukommen, in dem wir einst wohnten. Es war furchtbar! Wir mussten über verbrannte Trümmer und Menschen steigen, bis wir endlich zur Silbermannstraße kamen. An der Schule – sie war Lazarett, trug groß das Rote Kreuz auf dem Dach und war am Ausbrennen – stand eine Trage, auf der ein beinamputierter Verwundeter lag. Vati sagte: „Den nehmen wir mit“ und so packte ich vorn die Trage und Vati fasste hinten an. Das dritte Haus hinter der Schule war die Nr. 1, da war nichts mehr. Nur noch die Grundmauern und der Keller. Der schmiedeeiserne Zaun, zirka fünf Meter vom Haus entfernt, war in sich zusammengeschmolzen. Auch von unseren weggeworfenen Koffern – etwa 50 Meter weiter an der Ecke – war nichts zu sehen. Nur einen Koffer fanden wir: Die Schlösser herausgeschnitten und der Inhalt weg. Während wir um unser Leben liefen, hatten andere schon geplündert!

Nun versuchten wir aus der brennenden Stadt herauszugelangen. Es ging nur langsam, da wir den Verwundeten über die Trümmerberge tragen und öfter absetzen mussten. Doch es war auch unser Glück, denn eine Gruppe vor uns, die schneller war, wurde von einer herabstürzende Wand begraben. Wie wir aus diesem Trümmermeer herausgekommen sind, ist mir heute noch ein Rätsel. Der Verwundete wurde uns unterwegs von Angehörigen des Roten Kreuzes abgenommen.

Ehe wir an den Stadtrand von Dresden kamen, gab es erneuten Fliegerangriff, doch wir liefen weiter um unser Leben. Irgendwie erreichten wir endlich die Elbwiesen im Stadtteil Laubegast und wollten dort mit der Fähre nach Pappritz übersetzen. Doch dies war solange unmöglich, solange noch etwas Tageslicht herrschte, weil Tiefflieger alle Menschen beschossen, die sich dort auf den Elbwiesen bewegten. Erst als die Dunkelheit hereinbrach, gelangten wir zur Fähre und konnten übersetzen. Nur mit dem, was wir am Körper hatten, entkräftet und völlig erschöpft, wurden wir im Auffanglager des DRK in Pappritz aufgenommen. Dort versorgte man unsere Brandwunden und wusch uns die Augen aus. Dann erhielten wir endlich das erste zu Trinken und Essen und ein Strohlager für die Nacht.

Am 15. Februar 1945 um sechs Uhr machten wir uns auf den Weg zu meiner Tante. Wir konnten nur im Straßengraben im Schutz der Bäume laufen, da auch hier die Tiefflieger die Straße beschossen.

Wir waren glücklich, als uns der schützende Wald aufnahm und wir nun besser vorankamen. Gegen Abend waren wir endlich am Ziel und meine Tante froh, dass wir das Inferno überlebt hatten. Ich beziehungsweise wir hatten nach der Flucht aus der Heimat Masuren nun auch den Holocaust von Dresden überlebt. Zum Abschluss meiner Ausführungen noch ein Wort von Friedrich von Bodenstedt (1819-1892): „Wohl oft fand ich, was Aug und Herz ergötzte, doch nie, was meine Heimat mir ersetzte.“
 

Quelle:
Preußische Allgemeine Zeitung / Das Ostpreußenblatt Ausgabe 07/12, 18.02.2012

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weitere Informationen:
Videos zu: Dresden 1945
www.youtube.com/playlist?list=PLO5K4tZzrQCkXa6kugFVOIpVYBYGG1DLD;


 

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