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Angehöriger der deutschen Volksgruppe in der Region Oppeln mit seinem polnischen und
deutschen Reisepass: Aktuelle Volkszählung dürfte die Schrumpfung der Volksgruppe belegen.

Einen Schritt zurück, zwei Schritte vor
Die kulturpolitische Situation der deutschen Volksgruppe in Oberschlesien bleibt widersprüchlich
von Martin Schmidt

Die letzte polnische Parlamentswahl am 9. Oktober fiel für die Deutsche Liste in der Woiwodschaft Oppeln mit etwa 28.000 Stimmen deprimierend aus. Vor 20 Jahren waren es allein im Oppelner Schlesien 74.000, und landesweit wurden 1991 immerhin 132.000 Stimmen errungen, was damals den Einzug von sieben Abgeordneten in den Warschauer Sejm ermöglichte. Von ihnen ist heute mit Ryszard Galla bloß noch ein einziger übrig. Was ist passiert?

Die Stammwählerschaft der deutschen Volksgruppe wird immer älter, während die Heranwachsenden entweder überhaupt kein Interesse zeigen oder ihr Kreuz anderswo machen, diesmal vor allem beim Wahlgewinner, der Bürgerplattform (PO) von Ministerpräsident Donald Tusk. All das hat innerhalb der Volksgruppe in Schlesien eine Diskussion ausgelöst, ob künftig überhaupt noch eigene Listen ins Rennen geschickt werden sollen oder ob auf diese, wie im Herbst in der Woiwodschaft Schlesien schon geschehen, bewusst verzichtet werden soll, um die Aktivitäten auf andere – perspektivisch wichtigere – Bereiche zu konzentrieren.

Angesichts der schwach ausgeprägten Identität der Masse der heimatverbliebenen Oberschlesier und des fast vollständigen Fehlens einer deutschsprachigen Erziehung in Kindergärten und Schulen ist diese Entwicklung keineswegs überraschend. Bedauerlich ist sie aber auch insofern, als die seit ein paar Jahren amtierende neue Führung der Volksgruppe um Bernard Gaida als Chef des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG) und Norbert Rasch als Vorsitzender der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien (SKGD) damit um den verdienten öffentlichkeitswirksamen Lohn für ihre gute Arbeit gebracht werden. Denn wer sich in Oberschlesien die Verantwortungsträger nicht nur der ersten Reihe, sondern auch der noch jüngeren zweiten genauer ansieht, kommt zum Schluss, dass kaum eine andere auslandsdeutsche Volksgruppe in Europa über konzeptionell und von der persönlichen Ausstrahlung her ähnlich überzeugende Sprecher verfügt.

Zu den wichtigsten Vertretern der zweiten Reihe gehört der 1977 geborene Raphael (Rafal) Bartek als Geschäftsführer des „Hauses der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit“ (HDPZ) mit Zweigstellen in Gleiwitz und Oppeln. Bartek hat seine tadellosen Deutschkenntnisse nicht im Elternhaus erworben, sondern sie sich nach 1989 selbst angeeignet. Die Tätigkeitsliste seines fast ausschließlich auf Projektmittel angewiesenen Hauses ist lang und reicht von Veranstaltungen wie den alljährlichen „Schlesienseminaren“ in Groß Stein [Kamien Slaski] bis zu Veröffentlichungen wie die im Frühjahr 2011 erschie­nene deutsch-polnische Broschüre „Zwei Sprachen/doppelte Chance. Ratgeber für Eltern zweisprachig aufwachsender Kinder“ oder das in Arbeit befindliche „Vademecum“ für Fragen des Ausbaus deutschsprachigen Schulunterrichts.

Zu dem unter den Deutschen in der Region vieldis­kutierten Thema, nämlich der Haltung gegenüber den stetig erstarkenden schlesischen „Autonomisten“, äußert sich Raphael Bartek eher skeptisch. In Bezug auf die Führungsgruppe der auch als „Nationalschlesier“ bezeichneten Autonomisten in deren Hochburgen in Kattowitz und anderen ostoberschlesischen Städten weist er darauf hin, dass sich nach dem charismatischen jungen Vorsitzenden Jerzy Gorzelik personell eine große Lücke auftue, weshalb die Entscheidungsträger häufiger wechselten und sich trotz der teilweise gemeinsamen Interessen der inhaltliche Austausch schwierig gestalte. Mit Gorzelik gebe es aber immer wieder Gespräche.

Auf das sogenannte Schlesisch angesprochen, wie die angestammte „wasserpolnische“ Mundart heutzutage meist genannt wird, bekundet der HDPZ-Geschäftsführer sein Bedauern über den kontinuierlichen Rückgang deutscher Begriffe in diesem traditionell mit Germanismen und auch einigen tschechischen Einflüssen angereicherten polnischen Dialekt. Diese Veränderungen erklärten sich aus der übermächtigen Medienpräsenz des Hochpolnischen und dem Verlust des bis 1945 prägenden ständigen Kontakts mit dem Deutschen. Das Hochpolnische sei jedoch im Oppelner Schlesien wie in Ostoberschlesien vielfach noch immer eine „Fremdsprache“, betont Bartek.

Strategisch müsse man sich auf die veränderten kulturpolitischen Rahmenbedingungen einstellen, wenn man als deutsche Volksgruppe weiterhin einen Platz in der Region behaupten wolle. So finde die seit Oktober 2008 jeden Mittwoch als Beilage zum auflagenstärksten Regionalblatt „Nowa Trybuna Opolska“ in überwiegend polnischer Sprache herausgegebene, von der Volksgruppe bezahlte Beilage „Heimat“ eine erfreuliche Resonanz und lenke viel Aufmerksamkeit auf Veranstaltungen der Sozial-Kulturellen Gesellschaft und der örtlichen Deutschen Freundschaftskreise (DFKs).

Während das von dem in Görlitz ansässigen Verleger Alfred Theisen herausgegebene Magazin „Oberschlesien“ bewusst einsprachig in Deutsch erscheint, hat sich auch das zentrale Organ der deutschen Volksgruppe für den zweisprachigen Ansatz entschieden. „Das Wochenblatt. Zeitung der Deutschen in Polen“ (bis Ende 2010: „Schlesisches Wochenblatt“) erscheint in einer Auflage von ungefähr 6.000 Exemplaren, von denen der Großteil an den Kios­ken und nur etwa ein Zehntel über Abonnements verkauft wird. Als das Blatt 2008 von der Mediengesellschaft „Silesiapress“ übernommen worden war, lag die Auflage noch bei 2.000 Stück.

Im Redaktionssitz Oppeln gibt es ehrgeizige Pläne, die publizistische Bedeutung des Volksgruppensprachrohrs schrittweise zu erhöhen. Wie Johanna (Joanna) Mróz, die Vorstandsvorsitzende von Silesiapress, erklärt, ist eine Erweiterung um acht Seiten ins Auge gefasst. Auch der Internetauftritt der Zeitung werde demnächst ausgebaut. Zunächst sei aber die im Januar oder Februar 2012 anstehende Fusion mit der Produktionsgesellschaft Pro Futura zu bewältigen, die sich auf den Radio- und Fernsehbereich spezialisiert hat. Silesiapress erhält über das Stuttgarter Institut für Auslandsbeziehungen (IfA) feste sowie projektgebundene Zuschüsse des deutschen Auswärtigen Amtes. Darüber hinaus gibt das polnische Innenministerium etwas für die Zeitung sowie kleinere Summen für die von „Pro Futura“ erstellten Radio- und Fernsehsendungen („Schlesien Aktuell“ beziehungsweise „Schlesien Journal“).

Frau Mróz, die auch Pressesprecherin der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Deutschen im Bezirk Oppeln ist und im Frühling 2008 zu den „Revolutionären“ gegen die bis dato tonangebende Funktionärsgruppe um Henryk Kroll gehörte, wurde 1978 als Tochter einer alteingesessenen Gastwirtsfamilie aus Kadlub geboren. Schon der bekannte oberschlesische Schriftsteller Gustav Freytag (eigentlich Piontek) habe einen ihrer Vorfahren in seinem Brief „An den Bauern Michael Mros“ erwähnt, wenngleich wenig schmeichelhaft, lächelt sie. Die mediengewandte Nachfahrin wuchs mit der deutschen Sprache auf; ihr Heimathaus verfügte als zweites in der ganzen Woiwodschaft bereits 1986 über eine Satellitenantenne für den Empfang deutschsprachiger Programme.

Obwohl Johanna Mróz  durchaus Realitätssinn zeigt, etwa wenn sie orakelt, dass die Ergebnisse der polnischen Volkszählung „für uns eine Katastrophe werden“ (seriöse Ergebnisse sind wohl nicht vor dem Frühjahr 2012 zu erwarten), so überwiegt doch eine – zwar mit Fragezeichen versehene, aber keinesfalls unbegründete – Zuversicht. Anlass zur Hoffnung gebe es vor allem dann, betont sie, wenn es im neuen Jahr gelinge, das eigene Volksgruppenradio umzusetzen, dessen Einrichtung in den deutsch-polnischen Rundtischgesprächen vom Juni 2011 festgeschrieben wurde. Ein entsprechender Projektantrag solle jedenfalls unbedingt 2012 auf den Weg gebracht werden.

Alfred Theisen formulierte in der Zeitschrift „Oberschlesien“ in seinem Geleitwort einige für das Jahr 2012 und die weitere Zukunft der Volksgruppe maßgebliche Einsichten: „Auch wenn die deutsche Minderheit im Oppelner Land nicht mehr einige Hunderttausend, sondern höchstens noch 100.000 Menschen umfasst, dürfen Vorstände und Vereine sich von ihrer Existenzberechtigung und ihren ideellen Zielen nicht abbringen lassen. Letzten Endes geht es nicht um Quantität, sondern um die Qualität der Verbandsarbeit ... Dafür stehen die Chancen ungeachtet des enttäuschenden Wahlergebnisses unter dem derzeitigen Führungspersonal der deutschen Oberschlesier besser denn je. Auch das ist eine Realität!“
 

Quelle:
Preußische Allgemeine Zeitung / Das Ostpreußenblatt Ausgabe 01/12, 07.01.2012

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