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"Fall Barbarossa"

 


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Ein "Überfall" ...
Stalins Angriffspläne


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Der Krieg zweier Angreifer

1941 kam Adolf Hitler Stalin mit dem »Unternehmen Barbarossa« zuvor
von Heinz Magenheimer

Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion wird mancherseits noch immer gemäß der kommunistischen Propaganda als „Überfall“ auf ein friedliebendes Land bezeichnet. Doch nichts ist nach dem heutigen Wissensstand weiter von der Wahrheit entfernt, denn zu einem Überfall gehören zwei Kennzeichen: die Ahnungslosigkeit und die fehlende Vorbereitung des Opfers. Beides traf auf die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) im Juni 1941 nicht zu.

Die Weichenstellung zur Konfrontation erfolgte im November 1940, als Außenminister Wjatscheslaw Molotow in Berlin weilte und unverblümt die sowjetischen Forderungen präsentierte: Gewinnung Finnlands und der restlichen Bukowina, Einbeziehung Bulgariens in die eigene „Sicherheitszone“ und Errichtung von Stützpunkten auf den Dardanellen. Außerdem meldete er Interesse an Ungarn, Jugoslawien, Griechenland, dem deutschbesetzten Teil Polens und an der freien Durchfahrt durch die Ostseeausgänge an. Da er sogar das geheime Zusatzprotokoll vom 23. August 1939 für obsolet erklärte, entstand bei Adolf Hitler der zwingende Eindruck, bei Erfüllung der Forderungen unausweichlich in die Abhängigkeit von Josef Stalin zu geraten. Mit dieser Aussicht konnte sich ein Staat, der um seine Großmachtstellung kämpfte, nicht abfinden. Die Weisung vom 18. Dezember 1940, „Fall Barbarossa“, die den Abschluss der Angriffsvorbereitungen auf Mitte Mai festlegte, entsprang zwar keinem endgültigen Entschluss, doch betrachtete Hitler den Krieg gegen die Sowjetunion mittelfristig als unvermeidlich.

Stalin erfuhr kurz darauf von den deutschen Absichten und erhielt in der Folge zahllose warnende Hinweise. Der Nachrichtendienst klärte den ab Februar beginnenden Aufmarsch des Ostheeres genau auf, so dass von einer Unkenntnis keine Rede sein konnte. Armeegeneral Georgi Konstantinowitsch Schukow, der sowjetische Generalstabschef, wusste über den deutschen Aufmarsch viel mehr als sein Gegenspieler, General Franz Halder, über den gegnerischen.

Der sowjetische Generalstab hatte bereits im September 1940 einen Aufmarsch- und Angriffsplan ausgearbeitet. Im März 1941 folgte ein weiterer und schließlich präsentierten Schukow und Verteidigungsminister Semjon Konstantinowitsch Timoschenko am 15. Mai Stalin den aktuellen Aufmarschplan. Dieser sah die Bildung eines übermächtigen Angriffskeils im Südwesten und Süden mit 122 Divisionen vor, die weit über die Weichsel nach Nordwesten vorstoßen und gemeinsam mit anderen Truppen die Deutschen im Raum Radom–Lublin vernichten sollten. Der Plan zielte darauf ab, den Deutschen zuvorzukommen und sie im Zustand der Schwäche zu überraschen, und er wurde von Stalin gebilligt.

Aufmarschplan der Roten Armee unmittelbar vor dem Angriff auf die Sowjetunion
Entwurf: Magenheimer, Grafik: Stierschneider

Hätte Stalin nicht zugestimmt, hätte Schukow niemals gewagt, eigenmächtig Weisungen für einen riesigen Offensivaufmarsch zu geben, wie er dann stattfand. Die Erste strategische Staffel mit 170 Divisionen verfügte unter anderem über 20 mechanisierte Korps, wobei allein in den grenznahen Militärbezirken 10.500 Panzer konzentriert wurden, die den Deutschen fast um das Dreifache überlegen waren. Dahinter ließ Schukow eine Zweite strategische Staffel und Reserven mit rund 78 Divisionen aufmarschieren. Insgesamt verfügte er über 24.000 Panzer, darunter 1.861 der modernsten Typen T-34 und KW-1. Der Aufmarsch wäre unter Berücksichtigung von Verzögerungen zwischen dem 15. und 20. Juli beendet gewesen. Im Westen des Landes wurden fieberhaft Hunderte von Flugplätzen, davon viele in Grenznähe angelegt, um die meisten der 7.100 Frontflugzeuge aufzunehmen, ohne aber die erforderliche Auflockerung zu erreichen.

Über die gigantischen Rüstungsanstrengungen der Sowjetunion ist die Forschung heute bestens im Bilde. So verwundert es nicht, wenn der Mobilmachungsplan vom Februar 1941 einen Zuwachs von 5,4 Millionen auf 8,9 Millionen Mann, auf 37.000 Panzer und 22.200 Frontflugzeuge vorsah. Man erkennt, wie konsequent sich die Sowjetunion auf einen Krieg vorbereitete, der weit die Bedürfnisse der Verteidigung überstieg. Der Staat war also alles andere als unvorbereitet. Dazu kommen weitere Indizien für die Offensivabsicht: Zahlreiche Panzer- und motorisierte Verbände wurden in weit vorspringenden Frontbögen konzentriert; die Truppenstäbe erhielten Militärkarten, deren Bild weit in deutsches Gebiet hineinreichte; die Vorratslager in Grenznähe waren überfüllt, so dass Artilleriemunition unter freiem Himmel gelagert wurde; man verfügte über fünf Luftlandekorps, die sich besonders für den Angriff eigneten; Anfang Juni begann die Aufstellung einer Division aus gefangenen Polen, die für Agitation im eroberten Gebiet sorgen sollten.

Am 22. Juni umfasste das Ostheer nur 126 Divisionen, wogegen 250 sowjetische Divisionen zwischen Ostpreußen und dem Raum Moskau standen, deren Masse von der Grenze bis zu einer Tiefe von 300 Kilometern aufmarschiert war. Diese Gruppierung war dem deutschen Generalstab bekannt und erweckte Argwohn, doch traute Halder dem Gegner nicht die nötige Entschlusskraft zu. So stieß die Wehrmacht am 22. Juni in einen weitgehend abgeschlossenen Aufmarsch hinein. Sie begann einen Präventivkrieg, ohne einen solchen geplant zu haben.

Wenn auch sowjetischerseits im Zuge der Vorbereitungen Mängel bei Ausrüstung und Bewaffnung auftraten, so kann man nicht behaupten, dass die Rote Armee nicht zum Angriff fähig gewesen sei. Immerhin hätte sie im Angriffsfall die Überraschung auf ihrer Seite gehabt. Entscheidend war, dass der sowjetische Generalstab seine Truppen offensiv aufmarschieren ließ. Hätte Schukow nur an Verteidigung gedacht, hätte er völlig anders disponiert. Die Rote Armee hätte nach Abschluss des Aufmarsches auch nicht auf unbestimmte Zeit stehen bleiben können, denn die riesigen Truppenmassen wären rasch aufgeklärt worden und hätten erst recht zum Erstschlag provoziert. Deshalb ist es auch abwegig zu meinen, Stalin habe den Gegner durch seinen gewaltigen Aufmarsch nur abschrecken wollen.

Auch die Ansicht, dass Stalin den Krieg mit Deutschland angeblich erst für 1942 erwartet habe, erscheint sehr fragwürdig. Er musste nämlich über kurz oder lang mit der Beendigung des deutschen Aufmarsches rechnen, dem der Angriff folgen würde. Wollte er dem Gegner nicht zuvorkommen? Außerdem hielt er den Krieg ohnehin für unvermeidbar.

Es handelte sich also beim deutschen Angriff keineswegs um einen „Überfall“, und man war nicht mehr an das geheime Zusatzprotokoll vom 23. August 1939 samt der Interessengrenze zwischen beiden Staaten gebunden, da Molotow dieses Protokoll als hinfällig bezeichnet hatte. Obendrein hatte die Sowjetunion diese Interessengrenze durch die Besetzung der Nordbukowina im Juni 1940 selbst verletzt. Das Hauptmotiv zum Krieg lag in der Absicht, der politisch-strategischen Bedrohung aus dem Osten zuvorzukommen und Rückenfreiheit zu erlangen, da man wusste, dass Winston Churchill auf ein Bündnis mit der UdSSR hinarbeitete. Das ideologische Motiv war wie das wirtschaftliche zwar vorhanden, doch beide spielten nur eine Nebenrolle. Der Planungsprozess wurde weitgehend von strategisch-operativen Fragen und nicht von Ideologie bestimmt. Warum hätte die deutsche Führung einen Zweifrontenkrieg wagen sollen, an dessen Erfolg manche Generäle zweifelten, wäre es bloß darum gegangen, den Bolschewismus zu besiegen und ideologische Ziele durchzusetzen?

Der Feldzug gegen die Sowjetunion folgte in erster Linie einer strategischen Zielsetzung und war nicht als „Vernichtungskrieg“ konzipiert, wie manche Autoren behaupten. Wer oder was sollte denn „vernichtet“ werden? Die oft grausamen Maßnahmen zur Sicherung des Hinterlandes und die von beiden Seiten verübten Gräueltaten widersprachen zwar dem Völkerrecht, rechtfertigen aber nicht, das ideologische Motiv als maßgeblich hinzustellen. Dass sich die Wehrmacht und die Rote Armee im Frühjahr 1941 vielmehr in einem Wettlauf befanden, bestätigte sogar Stalin, als er am Morgen des 22. Juni Schukow fragte: „Warum verspäten wir uns immer?“
 

Quellen:
MP3-Audio-Datei: Archivmaterial;
Preußische Allgemeine Zeitung / Das Ostpreußenblatt Ausgabe 24/11, 18.06.2011

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